Magere Bilanz der Schulpolitik des bayerischen Kultusministers
Martin Güll stellt Ludwig Spaenle das Zeugnis aus: Er hat auch nach vier Jahren Amtszeit seinen Laden nicht im Griff. Was den bayerischen Schulen fehlt, ist eine pädagogische Neuausrichtung.
Rund 1,3 Millionen Schülerinnen und Schüler in Bayern erhalten Ende Juli ihr Jahreszeugnis. Grund genug für den bildungspolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Martin Güll, Bilanz zu ziehen und wichtige Fragen zu stellen. ?Ohne die Leistungen der Schülerinnen und Schüler schmälern zu wollen, müssen wir doch feststellen, dass die Unzufriedenheit bei Eltern, Schülern und auch Lehrkräften über die schulischen Rahmenbedingungen deutlich zunehmen", stellt Güll fest.
Petitionen zu drohenden Schulschließungen im Bereich der Grund- und Mittelschulen, Notendruck in der vierten Klasse aufgrund des Übertrittsverfahrens, zu große Belastungen im achtjährigen Gymnasium, immer noch hoher Unterrichtsausfall vor allem in den Realschulen und Gymnasien, fehlende Lehrkräfte für die individuelle Förderung – die Liste ließe sich lange fortsetzen. Der Vorsitzende des Bildungsausschusses: "Es wird immer deutlicher: der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle hat auch nach vier Jahren Amtszeit seinen Laden nicht im Griff."
Was den bayerischen Schulen fehlt, ist eine pädagogische Neuausrichtung. Güll: "Spaenle verwaltet nur noch und muss ständig bei den Unzulänglichkeiten nachsteuern. Ein Kultusminister sollte aber eine klare Vorstellung über zeitgemäße Lernformen und Bildungsziele haben. Das ist Voraussetzung dafür, die Lehreraus- und -fortbildung neu aufzustellen und schulische Konzepte zukunftsfest zu machen."
Das Zeugnis für Kultusminister Spaenle hat Martin Güll in einer Pressekonferenz im Bayerischen Landtag aus gestellt. Es fällt auch heuer wieder schlecht aus.
Gülls Pressevorlage im Wortlaut:
Magere Bilanz der bayerischen Schulpolitik
"Der bayerischen Schulpolitik fehlt eine klare Neuausrichtung, die den wissenschaftlichen Ansprüchen an nachhaltigem Lernen und den Bedürfnissen der Abnehmer entspricht. Was die Schulen nicht mehr brauchen, sind reflexartige Schnellschussreformen, die das Arbeiten der Lehrer und Schüler mehr erschweren als erleichtern", fasst der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Martin Güll, die Kernforderungen für eine zukunftsorientierte Schulpolitik zusammen. Besonders im achtjährigen Gymnasium fehlt es daran.
Lernen ist ein individueller Prozess. Aus den Neurowissenschaften wissen wir ganz genau, wie das Lernen im menschlichen Gehirn funktioniert. Nicht punktuelles Einzelwissen bleibt hängen, sondern Lerninhalte, die von den Schülern selbstaktiv erarbeitet werden. Aus Wissen entstehen erst dann die wichtigen Kompetenzen, wenn die Schüler Zeit zum Einüben und zum Vernetzen der einzelnen Themeninhalte bekommen. In den Mittelpunkt des Schulalltags in allen Schularten muss deshalb eine Neukonzeption des Unterrichts gestellt werden. Heterogenität, also die Verschiedenheit der Schüler, muss als Chance und nicht als Defizit begriffen werden. Neue pädagogische Konzepte, kooperatives und projektorientiertes Lernen also, müssen schneller in allen Schulformen Einzug halten, damit individualisiertes Lernen möglich wird. Dazu müssen Anreize geschaffen und Fortbildungsangebote aufgebaut werden.
Güll: "Spaenles Jahreszeugnis fällt miserabel aus!"
Die Bilanz des gerade zu Ende gehenden Schuljahrs fällt aus der Sicht des Vorsitzenden des Bildungsausschusses deutlich aus: "Gesamturteil für den bayerischen Kultusminister mangelhaft mit Tendenz zu ungenügend!"
Ludwig Spaenle stellt sich damit in die Reihe der erfolglosen Kultusminister der letzten 14 Jahre: Monika Hohlmeier: Sie war im Jahr 2000 verantwortlich für die Einführung der sechsstufigen Realschule (R6), die das große Hauptschulsterben eingeläutet hat, und die Umsetzung des G8. Siegfried Schneider: Er ist verantwortlich für eine erfolglose Hauptschulreform.
Spaenle gelingt es nicht, Ruhe in die Schulen zu bringen. Das liegt daran, dass er möglicherweise ein guter Historiker und Philosoph ist, aber kein ausgewiesener Schulmann, der eine klare Vorstellung hat, wie die gute Schule der Zukunft aussehen soll. Spaenle reagiert reflexartig auf die Unzulänglichkeiten des Schulsystems und doktert nur immer an den Symptomen herum: Nicht er bestimmt die Richtlinien der Schulpolitik, sondern die Zurufe aus dem vielschichtigen Chor der von Schule irgendwie betroffenen Akteure.
In den folgenden drei Bereichen besteht dringender Handlungsbedarf:
Das G8 - eine Never-Ending-Story
Die Probleme:
Das G8 leidet unter vielfältigen Problemen: hohe Belastungen der Schüler und Lehrer, keine persönlichen Freizeit der Schüler, Bulimie-Lernen für Schulaufgaben, über 30 Prozent Verlierer im System, im Vergleich zum G9 fallen im G8 dreimal mehr Schüler durch, das Gesamtniveau sinkt. Die Mängelliste ist lang, aber die Reaktion von Spaenle lautet gebetsmühlenartig immer gleich: Das achtjährige Gymnasium hat sich bewährt, aber "jedem einzelnen Schüler soll Zeit gegeben werden, seinen angestrebten Abschluss zu erreichen" (Main Echo vom 16.03.2012).
Spaenles Lösung: Nochmals Überprüfung der Lehrpläne (zum wievielten Mal eigentlich?) und ein Intensivierungsjahr in der Mittelstufe, von dem nicht einmal die Schulexperten auch nur eine vage Vorstellung haben, wie das funktionieren könnte. Kein Wunder, dass Seehofer jetzt selbst in den Zuständigkeitsbereich seines eigenen Kultusministers eingreift. Das ist die Höchststrafe für einen Minister.
Die Lösung der SPD:
- Sorgen und Nöte der Schüler, Eltern und Lehrer sowie Rat der Fachleute müssen ernst genommen werden.
- Die Lerninhalte müssen auf die verkürzte Lernzeit angepasst werden.
- Die Schüler brauchen in der Schule ausreichend Zeit zum Üben. Das erreicht man über ein gutes und verlässliches Ganztagsangebot und durch eine moderne Pädagogik, die Schüler so lernen lässt, wie es ihren eigenen Bedürfnissen entspricht.
- Kein zusätzliches Jahr in der Unter- und Mittelstufe. Ausgerechnet in der Pubertätsphase ein Zusatzjahr einzubauen, ist vollkommen daneben.
- Die Sekundarstufe I darf für alle Schüler nicht länger als sechs Jahre dauern. Am Ende der zehnten Klasse orientieren sich viele Schüler neu. Die einen bleiben im Gymnasium, andere wollen in die berufliche Oberschule (FOS) und wieder andere gehen mit ihrer mittleren Reife in die Berufsausbildung.
- Zeitliche Flexibilisierung erst nach der zehnten Klasse (= Ende des ersten Bildungsabschnitts). Mit sechzehn Jahren ist der Schüler in der Lage, seinen schulischen Weg selbst mitzubestimmen. Deshalb ist hier der richtige Zeitpunkt, die Schüler auch über die Dauer des verbleibenden Abschnitts mit entscheiden zu lassen. G8 oder G9 – in zwei oder drei Jahren durch die Oberstufe. Das ist schüler- und auch sachgerecht und lässt sich organisatorisch ohne Probleme verwirklichen.
Übertrittsverfahren in der vierten Klasse Grundschule:
Die Probleme:
Die Techniker-Krankenkasse verzeichnet eine Zunahme der ADHS-Fälle ("Zappelphilipp"-Syndrom) v.a. bei den männlichen Schülern um 40 Prozent innerhalb von drei Jahren (Studie der TK vom Januar 2012) in Verbindung von 25 Prozent mehr Ritalin-Gabe. Es gibt Klagen über die Zunahme der psychosomatischen Beschwerden bei den Kindern, belastete Familien, Mütter als Nachhilfelehrer der Nation und professionelle Nachhilfe schon in der Grundschule. Eltern lassen Noten durch Rechtsanwälte anzweifeln und die Lehrer sind ausgebrannt und dem Elterndruck nicht mehr gewachsen. Die Liste der Probleme ist auch hier lang und die Reaktion des Kultusministers wie immer gleich: Das bayerische Übertrittsverfahren habe sich bewährt und „schafft Bildungsgerechtigkeit" (Regierungserklärung vom 19.06.2012). Dabei ist die Abhängigkeit der Bildungschancen von der sozialen Herkunft in Deutschland nirgendwo größer als in Bayern. "Das Problem ist die frühe Selektion nach der vierten Klasse", sagt der Würzburger Bildungsforscher Heinz Reinders (SZ vom 14.03.2012). Auch hier gilt: Die großen Verwerfungen, die sich in der bayerischen Grundschule auftun, werden einfach ignoriert.
Die Lösung der SPD:
- Abschaffen des "Grundschulabiturs". Als Sofortmaßnahme müssen wir den Druck aus dem Kessel herausnehmen und die Zuteilung der verschiedenen Bildungswege ausschließlich über Durchschnittsnoten beenden.
- Professionelle Elternberatung durch die Grundschule und Beratungsdienste sicher stellen.
- Dann Freigabe des Elternwillens. Eltern tragen die letzte Verantwortung für den weiteren Bildungsweg ihrer Kinder.
- Längeres gemeinsames Lernen zulassen, damit die Eltern echte Alternativen zu der zu frühen Einteilung in die verschiedenen Schulschubladen bekommen.
- Stärkung des eigentlichen pädagogischen Auftrags der Grundschule, die Kinder neugierig auf das Lernen zu machen und ihnen ein solides Grundfundament zu geben.
Sicherung der Schulstandorte:
Die Probleme:
Eilpetitionen an den Bayerischen Landtag mit dem Ziel, die Schließung von Schulstandorten zu verhindern, häufen sich zum Schuljahresende. Sie kommen zum Beispiel aus Greußenheim und Hausen in Unterfranken oder aus Denkendorf in Oberbayern. Die betroffenen Eltern verstehen die Welt nicht mehr. Selbstständige kleinste Grundschulen (bis 26 Gesamtschüler in vier Jahrgängen) werden durch Zuweisung eines Sonderbudgets an Lehrerstunden erhalten, kleine Grundschulen in selbstständigen Gemeinden, die sich aber zu einem Schulverband mit anderen Kommunen zusammengeschlossen haben, bekommen dieses Zusatzbudget nicht. Das bedeutet, dass ihr Haus geschlossen wird (Greußenheim und Hausen).
Der Mittelschule in Denkendorf (Landkreis Eichstätt) hat der Kultusminister via Lokalpresse versprochen, die Schule bleibe durch den Mittelschulverbund erhalten. Keine drei Wochen später kommt das Aus. Jetzt müssen 70 Schüler in die Nachbarschulen verteilt werden. Überschrift in der Regierungserklärung: "Die neuen Mittelschulverbünde sichern Schulstandorte." Das Gegenteil ist der Fall. Mittelschulen haben keine Zukunft, weil sie in den Augen der Eltern nicht bedarfsgerecht sind, sprich: Es fehlt die Möglichkeit, im eigenen Schulhaus die mittlere Reife machen zu können.
Die Lösung der SPD:
- Regional passgenaue Schulmodelle wie Gemeinschaftsschulen neben den Realschulen und Gymnasien zulassen, damit wohnortnahe Schulangebote erhalten bleiben.
- Durch neue pädagogische Konzepte alle Schulabschlüsse vor Ort ermöglichen.
- Echte Entscheidungskompetenz in die regionalen Bildungsdialoge geben, damit die von der Schulfamilie, den Kommunen und Experten erarbeiteten Lösungsvorschläge auch umgesetzt werden können.
- Die gesetzlichen Voraussetzungen schaffen, damit den Wünschen und Bedürfnissen vor Ort entsprochen werden können.
- Bedarfsgerechte Zuweisung von Lehrerstunden, damit auch kleine Standorte ausreichend mit pädagogischer Qualität versorgt werden können.
"Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist"
(Victor Hugo)
Bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Vorsitzender des Ausschusses des Bayerischen Landtags für Bildung, Jugend und Sport