Ein Meilenstein zur geglückten Integration
SPD-Fraktionsvize Christa Naaß erinnert an 60 Jahre Charta der Heimatvertriebenen und mahnt, die Aussöhnung nicht zu gefährden
Aus Anlass der Unterzeichnung der „Charta der Heimatvertriebenen" am 5. August 1950 erinnert die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Christa Naaß als vertriebenenpolitische Sprecherin der LandtagsSPD an die „große Bedeutung dieser Selbstverpflichtung der Vertriebenen zu Frieden und Aussöhnung für das Wunder der geglückten Integration in die Gesellschaft ihrer neuen Heimat". Neben dem „unschätzbaren materiellen Beitrag von Millionen Vertriebener am Wiederaufbau eines neuen Deutschland" war der in der Charta „zum Ausdruck gebrachte Friedens- und Verständigungswille ein wichtiger Eckstein für die gute Entwicklung Europas seit 60 Jahren auf der Basis unzweideutiger Verständigungsbereitschaft unter ehemaligen Kriegsgegnern."
Allerdings warnt die SPD-Politikerin im Hinblick auf die aktuelle Kontroverse über jüngste Äußerungen zweier Vertreter des Bundes der Vertriebenen im Stiftungsrat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung davor zuzulassen, „dass durch relativierende Äußerungen einiger Elefanten im Porzellanladen über die Kriegsschuldfrage die erreichte Aussöhnung mit unseren Nachbarn gefährdet werden könnte." Die bayerische SPD habe die Errichtung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung „von Anbeginn an unterstützt. Sie verurteilt deshalb Jeden scharf, der politisch zündelt und so den satzungsgemäßen Versöhnungsauftrag gefährdet."
Naaß erinnert an den Hintergrund der Charta: Im August 1950 waren infolge des von Deutschland entfesselten Krieges allein acht Millionen Deutsche aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, dem Sudetenland, Ungarn und Rumänien in den westlichen Besatzungszonen angekommen. Weitere vier Millionen hatten auf dem Gebiet der späteren DDR Zuflucht gesucht.
Wer die Bedeutung der" Charta" gebührend würdigen will, muss sich die Situation der Vertriebenen im Jahr 1950 vor Augen führen: Der Wiederaufbau steckte noch in den Anfängen. Viele lebten arm und unter schwierigsten Umständen in überfüllten Lagern, waren arbeitslos oder unterqualifiziert beschäftigt und hofften immer noch auf eine Rückkehr in die Heimat. Diese Lage hätte ein idealer Nährboden für radikale Verirrungen sein können. Die Heimatvertriebenen erteilten dem jedoch eine deutliche Absage. Sie haben mit der Charta zum Ausdruck gebracht, dass Rache und Gewalt für sie kein Weg in die Zukunft sind und dass dauerhafter Frieden nur in einem geeinten Europa möglich ist.
Naaß: „Welch ein Weitblick! Heute, 21 Jahre nach dem Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges haben wir mit der EU-Osterweiterung eine Chance wie nie zuvor zum Dialog, in dem freie Nachbarn das Recht und die geschichtliche Wahrheit aussprechen und verwirklichen können. Wir haben das erreicht, wovon die Verfasser der „Charta der Heimatvertriebenen" nur zu träumen wagten: ein geeintes, friedliches Europa der Menschen und der Menschenrechte, in dem es keine Diskriminierung mehr geben darf! Auch keine, die durch die Vergangenheit begründet ist."
Das Schicksal der Heimatvertriebenen ist nicht vergessen. Nur in einer wahrheitsgetreuen Aufarbeitung der jüngeren deutschen und europäischen Geschichte kann die Aussöhnung mit unseren Nachbarn gelingen. „Deshalb heißt die doppelte Aufgabe unserer Generation, Brücken bauen zwischen den Generationen, Brücken zu unseren Nachbarländern, woher viele von uns stammen. Wir haben eine gemeinsame Geschichte – nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch im Europa der Zukunft," so Christa Naaß.
Mitglied im Ausschuss des Bayerischen Landtags für Staatshaushalt und Finanzfragen. Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion für Fragen der Aussiedler und Heimatvertriebenen.